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Klima und Mathematik

1. Dezember 2019

Diese Woche bin ich auf einen interessanten Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht worden. Viel Spaß beim lesen:

 

Die CO2-Diät
Wie müssen wir essen, um den Planeten zu retten? Der Mathematiker Manuel Klarmann kann das genau berechnen

INTERVIEW: MARTEN ROLFF

Wenn wir den Klimawandel aufhalten wollen, werden wir unsere Ernährung umstellen müssen. Die Lebensmittelproduktion verursacht weltweit ein Drittel aller Treibhausgase. Bei der Umstel- lung helfen könnten die Rechenmodelle des deutschen Mathematikers und Neuroinformatikers Manuel Klarmann, 35, der vor elf Jahren in Zürich das Start-up „Eaternity“ gründete. Die zehn Mitarbeiter beschäftigen sich damit, wie man die CO2-Bilanz von Nahrung berechnet und – ver- bessert. Wie man etwa per App Rezepte auf ihre Klimatauglichkeit prüft. Klarmann sieht sich vor allem auch als Aktivist. Er hält Vorträge, diskutiert mit Spitzenköchen und berät Restaurants. Werden wir bald nach CO2-Tabelle essen?

SZ: Herr Klarmann, nehmen wir an, ich hätte gerade eingekauft: 400 Gramm deutsches Kalbsschnitzel, drei türkische Paprika, Joghurt, eine Dose Tomaten, Tiefkühlpizza, zwei asiatische Fertiggerichte, einen Liter Biomilch und eine Gurke, bei der unklar ist, wo sie herkommt. Und Sie können mir die exakte CO2-Bilanz errechnen?

Klarmann: Das ist kein Problem. Ich hoffe ja, dass Klimafreundlichkeit bald sogar unsere Kaufentscheidungen bestimmt.

Aber wie rechnet man das aus?

Auf Basis von Daten, die wir seit zehn Jahren sammeln. Aus Studien. Oder von Organisa- tionen wie dem Ökoinstitut, Agroscope oder Quantis. Das ist nur möglich, weil Forscher auf der ganzen Welt sich seit Jahrzehnten bemühen, die Prozesse der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion als Modelle abzubilden. Wir koppeln die Daten nur und machen sie mit unserer Software transparent und zugänglich. Eigentlich wäre das die Aufgabe von Regierungen.

Wie genau sind Ihre Berechnungen?

Ziemlich präzise. Lücken lassen sich durch Nachfragen schließen; etwa nach dem Her- kunftsland eines Produkts. Bei Obst und Gemüse lässt sich die Klimabilanz anhand von Import- und Temperaturstatistiken ermitteln; so wissen wir etwa, wie ein Gewächshaus beheizt werden muss, bis alles reif ist und wie viel Energie das kostet. Aber Abweichun- gen hier sind für das Endergebnis meist nicht relevant. Es gibt relativ wenige Faktoren, die für die Klimabilanz von Lebensmitteln wirklich entscheidend sind.

Was sind die wichtigsten Ursachen für eine schlechte Klimabilanz von Essen?

Es gibt vor allem drei große Probleme: Landumnutzung, also das Abholzen von Wäldern für Plantagen oder Weiden; zweitens die Treibhausgase, die durchs Verdampfen beim Düngen entweichen; und dann natürlich die Methanemission durch die Viehzucht, vor allem durch Rinder.

Und was bedeutet das konkret für unsere Ernährung?

Im Prinzip läuft alles auf einen Speiseplan hinaus, wie ihn eine Forschungskommission Anfang des Jahres empfohlen hat: Im Schnitt gäbe es maximal 100 Gramm Rind- oder Schweinefleisch und 1,75 Liter Milch pro Woche für jeden, als Ausgleich Getreide, Hülsen- früchte, Gemüse oder Erdnüsse.

Klingt jetzt nicht so, als würde man damit sein Restaurant mit Gästen füllen. Geschweige denn Wahlen gewinnen.

Ich kann die Zahlen nicht ändern: Ein Drittel aller Treibhausgase und 70 Prozent des Trinkwasserverbrauchs gehen aufs Konto der Lebensmittelproduktion. Wollen wir die Erderwärmung auf zwei Grad beschränken, müssen wir diese Werte in Deutschland bis 2030 halbieren. Zumal die Weltbevölkerung bis 2050 um 20 Prozent wächst, während die Ernten weltweit um 20 Prozent sinken sollen. Wenn für mein Steak Menschen in Bangla- desch ertrinken oder Tiere am Amazonas verbrennen, wird die Bedrohung sehr konkret. Das Dumme ist nur, dass wir diese Zusammenhänge nicht akzeptieren wollen, weil die große Bedrohung noch in der Zukunft liegt und die Opfer nicht vor unserer Haustür ster- ben.

In Vorträgen kritisieren Sie, dass 90 Prozent aller Diskussionen um Klimawandel und Umweltschutz am Wesentlichen vorbeigehen. Was meinen Sie damit?

Das klingt jetzt etwas zugespitzt, grundsätzlich aber stimmt es. Der Klimawandel ist nun mal das größte Problem, also sollten wir uns darauf konzentrieren. Ein Beispiel: Alle re- den über Plastikmüll, und klar ist es übel, dass Plastik im Meer landet. Aber der Anteil von Verpackungen an den Treibhausgasen liegt nur bei ein bis zwei Prozent.

Was soll daran schlecht sein, wenn Leute versuchen, Müll zu vermeiden und sich um- weltbewusster zu verhalten?

Gar nichts. Im Gegenteil. Doch leider sind die Menschen durch die vielen Diskussionen überfordert. Ein anderes Beispiel sind Avocados, über deren Wasserverbrauch nun stän- dig berichtet wird. Ja, sie verursachen mitunter Wasserprobleme und ja, es gibt profitgie- rige Plantagenbesitzer. Doch in der Relation zum Leid, das durch die Erderwärmung droht, ist das ein Witz. Und es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass wir jetzt gar nichts mehr essen dürfen. Aber ist es kein Problem, Früchte 10 000 Kilometer weit nach Europa zu liefern?

Nicht zwangsläufig. Wie alle Früchte, die nachreifen, kommen viele Avocados mit dem Schiff. Selbstverständlich bläst so ein Frachter enorm viel in die Luft, aber umgerechnet aufs Kilo ist das eher unerheblich. Das Schiff ist nicht ideal, aber derzeit das effizienteste

Transportmittel, das wir haben. Ohnehin entstehen durch den Transport nur drei bis vier Prozent aller durch Lebensmittel verursachten Treibhausgase.

Und was ist mit Flugimporten?

Die schlagen stark zu Buche, richtig. Man sollte sie also nicht kaufen. Allerdings werden vergleichsweise wenig Waren mit dem Flugzeug importiert. Es geht vor allem um son- nengereifte Tropenfrüchte, frische Beeren, Kräuter und Feigen, aber auch um Fische. Zum Vergleich: Ein Kilo Papayas, die per Schiff aus Brasilien geliefert werden, hat etwa zwei Kilo CO2 auf dem Konto. Kommen die mit dem Flugzeug, sind es neun Kilo. Gar nicht gut, aber die Bilanz ist immer noch besser als beim Kilo Emmentaler, der 9,5 Kilo CO2 verursacht. Und bei Kalbsfilet wären wir dann bei 64,5 Kilo CO2, das steht ganz oben auf dem Index. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass wir die CO2-Bilanz eigentlich nicht am Gewicht, sondern am Nährwert eines Produkts messen, das ist korrekter, nur als Beispiel hier zu komplex. Und am Endergebnis ändert es nichts.

Regional produzierte Lebensmittel und Bio liegen enorm im Trend; da wähnen die Leute sich auf der sicheren Seite.

Leider falsch. Man muss sehr genau hinsehen. Bio ist besser fürs Tierwohl und für die Böden, und die Bauern sind unabhängiger von der Industrie, was gut ist. Aber klimatech- nisch ist es ein Nullsummenspiel, der Methangasausstoß pro Tier ist höher, und viele Produkte sind nicht mal besser. Bio wird so positiv dargestellt, weil es derzeit einer der wenigen Wege ist, um Nachhaltigkeit beim Kunden zu kommunizieren. Mit Regionalität sieht es nicht viel besser aus.

Weil Transport nicht ins Gewicht fällt?

Auch. Regionalität ist vor allem sozial nachhaltig, was wichtig ist; Fair Trade gewisser- maßen. Aber dem Klima bringt das nicht viel. Und nur, wenn der Kunde strikt saisonal kauft. Zwischen Oktober und Dezember steigt zum Beispiel die Klimabilanz von einem Kilo Tomaten von 0,3 auf 1,7 Kilo CO2. Schon im November ist Importware aus Südeuropa klimafreundlicher; Dosentomaten übrigens auch. Grund ist die hohe Energie für Ge- wächshäuser. Im Februar ist die Diskrepanz am krassesten. Ab Mai sollte man Tomaten wieder regional kaufen.

Könnten CO2-Tabellen bald unser wichtigstes Einkaufskriterium werden?

Der Mensch ist leider nicht berechenbar. Ein Problem bei der Ernährungsumstellung ist die Biochemie. Das menschliche Belohnungssystem funktioniert eher über den Bauch als über den Kopf. Weil Magen und Geschmacksnerven maßgeblich den Ausstoß von Glücks- hormonen wie Dopamin und Serotonin mitsteuern. Das Erinnerungsvermögen unseres Magens definiert so zum großen Teil unsere Identität. Unser Speiseplan spiegelt die Wer- te, die wir von unserer Familie mitbekommen. Wer seine Ernährung ändern will, muss sich bewusst aus diesem Kontext lösen. Das ist hart.

Sie diskutieren viel mit Köchen, was sagen die zu den Zahlen?

Viele sind einsichtig, andere sagen: Das funktioniert für uns nicht. Manche nennen Argu- mente wie „Wir schießen unser Wild selbst und füttern nicht zu, das ist total klimaneu- tral!“ Ich frage die dann: Wie viele von fast acht Milliarden Menschen können ihr Wild selbst schießen? 0,01 Prozent?

Zudem beraten Sie Restaurants, vor allem Betriebskantinen. Mit Erfolg?

Vieles stimmt uns optimistisch. Wir haben gerade einen Wettbewerb für die klima- freundlichste Kantine organisiert. Nach einem Workshop und zwei Monaten ließ sich der CO2-Ausstoß der Restaurants im Schnitt um 20 Prozent senken; durch eher einfache Maßnahmen: Flyer verteilen, Fleischmengen reduzieren, das klimafreundlichste Menü anpreisen. Die Kundenzufriedenheit stieg dabei sogar leicht.

Die Industrie wehrt sich selbst gegen einfache Produktlabel wie Lebensmittelampeln. Wird es bald ein Klimalabel geben?

Schwierig. Wir wollten mit einer Schweizer Supermarktkette zusammenarbeiten, aber die sagten: „30 Prozent unserer Waren sind Milch- und Fleischprodukte. Sollen wir die etwa als klimaschädlich kennzeichnen und dann wegen der Umsatzeinbußen 30 Prozent unse- rer Leute entlassen?“ Es gibt aber andere Wege, das Thema in den Köpfen zu verankern. Unsere App mit Codecheck hat zwei Millionen Nutzer. Tendenz steigend. Und hoffentlich kooperieren wir bald mit Chefkoch.de. Die haben 20 Millionen Nutzer, die künftig jedes Rezept im Netz auf seine Klimatauglichkeit prüfen könnten.

Wie ernähren Sie sich eigentlich selbst? Darüber spreche ich nicht in Interviews. Warum nicht?

Weil es nicht zielführend ist, wenn Leute sagen: Klar, der lebt frutarisch oder vegan, habe ich mir gleich gedacht! Solche ideologischen Schubladen helfen nicht weiter. Es gibt Da- ten, und die sind sehr klar. Ende.

Befürchten Sie manchmal, dass der Genuss abhandenkommen könnte, wenn wir nur noch nach Datenvorgabe essen?

Gegenfrage: Sie sitzen 2050 mit Ihrem Enkel zusammen und der fragt: Großvater, wieso habt ihr die ganze Welt aufgefressen? Was antworten Sie? Weil es so lecker war?

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